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Die Vielfalt der Kirchen als Chance begreifen

Gemeinsame Veranstaltung der Propstei Oberhessen und der FTH Gießen

Reiskirchen

Die evangelische Kirche, Freikirchen und Landeskirchliche Gemeinschaften teilen ein gemeinsames reformatorisches Erbe. Auf dieser Grundlage sollten sie so viel wie möglich gemeinsam tun. Das sagten Redner bei einer Konferenz zum Thema „Enkel der Reformation – Gemeinsames Erbe und die Zukunft unserer Kirchen“ am 6. Juni in Reiskirchen bei Gießen. Impulsgeber des Treffens war der Propst für Oberhessen der hessen-nassauischen Kirche, Matthias Schmidt (Gießen). Wie er der GEMEINDE sagte, ist die Reformation, deren 500. Jahrestag im vergangenen Jahr begangen wurde, ein gemeinsames Erbe von evangelischen Christen aus Landeskirchen und Freikirchen. Doch bei den Jubiläumsfeiern seien die Freikirchen weithin ausgeblendet worden. Deshalb habe er die Tagung für den Großraum Gießen angeregt, damit man sich besser kennenlerne. In der Region gebe es zahlreiche freikirchliche Gemeinden und freie Werke. Unterstützt wurde er bei dem Vorhaben durch die Freie Theologische Hochschule (FTH) Gießen und deren Rektor Prof. Stephan Holthaus. Die auch als „Familientreffen“ bezeichnete Konferenz zählte rund 100 Teilnehmer – überwiegend Pfarrer, Pastoren und andere Verantwortliche. 

 

Die Hauptrednerin, die an der Universität Gießen lehrende evangelische Reformationshistorikerin Prof. Athina Lexutt, zog eine Parallele zwischen der Tagung und Filmen über „Familientreffen“, die in der Regel in einer Katastrophe endeten. Deshalb müsse man sich darüber klarwerden, „was einen als Glaubens-DNA eigentlich zusammenhält“. Als nicht verhandelbar bezeichnete sie die Überzeugung, dass die Bibel Maßstab für Glauben und Handeln sei und man Gesetz und Evangelium unterscheiden müsse. Zugleich räumte sie ein, sie wolle auch provozieren: Für sie als Theologin aus der lutherischen Tradition seien die biblischen Texte Erzählungen und keine historischen Tatsachenberichte. Sie seien aufgeschrieben worden, um Menschen zu trösten, zu befreien und ihres Glaubens gewiss zu machen. Die Kernbotschaft aller Texte sei Gottes Wille zum Leben. Zugleich machte sie deutlich, dass es „die Kirche in sichtbarer Gestalt nur im Plural geben“ könne. Dass es viele Kirchen gebe, sollte als Chance gelebt werden. Eine geistliche Einheit bestehe bereits in Jesus Christus.

 

In einer Podiumsdiskussion stellten fünf Theologen ihre Arbeitsfelder vor. Der Professor für Systematische Theologie an FTH, Christoph Raedel, sagte, die Kirche müsse das tun, was nur sie tun könne, nämlich das Wort Gottes weiterzusagen. Dazu gehöre es auch, Christen zu befähigen und zuzurüsten, in der Gesellschaft Verantwortung zu übernehmen. Kirchen sollten jedoch nicht das wiederholen, „was schon andere gesagt haben“.

 

Der Pastor der Baptistengemeinde in Gießen, Thorsten Lehr, rief dazu auf, als Christen den Glauben authentisch zu leben. Es sollte auch im Alltag deutlich werden, dass sie einem Gott folgten, der ihr Leben prägt. Lehr: „Wir brauchen mehr Mut, unser christliches Profil zu zeigen“. Ferner unterstrich er die Notwendigkeit, schon junge Menschen in der Gemeinde zu schulen, damit sie künftig Leitungsaufgaben wahrnehmen könnten. Andernfalls werde es immer schwerer, Leitungsposten mit geeigneten Kandidaten zu besetzen.

 

Dass eine freikirchliche Gemeinde nicht unbedingt ein eigenes Gemeindezentrum benötigt, zeigte der Pastor der 2014 gegründeten Mosaikgemeinde in Gießen, Denis Grams, auf. Seine Gemeinde versammele sich im Kino, weil sie nach den Worten von Grams so gerade junge Menschen erreiche, die niemals ein christliches Gemeindezentrum betreten würden. Die Gottesdienste zählten 200 Besucher. Die Mosaikgemeinde gehört zum Bund Freier evangelischer Gemeinden.

 

Die hessen-nassauische Vikarin Verena Reh erläuterte, wie auch die Landeskirche mit neuen Gottesdienstformen neue Zielgruppen erschließen könne. An ihrem Dienstort in Staufenberg-Treis seien die viermal im Jahr stattfindenden „Sternstundengottesdienste“ am Samstagabend, die von einer Gruppe aus der Gemeinde vorbereitet würden, „der Kracher“. Die Kirche sei in der Regel voll besetzt, wobei die Besucher auch nach dem Gottesdienst bei einem Imbiss zusammenblieben. Im vergangenen Jahr ging es in den Gottesdiensten um Themen wie Einsamkeit, Freiheit oder die Sehnsucht nach Geborgenheit. Der Gießener Pfarrer Gabriel Brand sagte, dass sich die Kirche auf sinkende Mitgliederzahlen einstellen müsse. Doch zugleich beobachte er eine Pluralisierung: Die Menschen lebten ihren Glauben sehr verschieden. Er habe im Kindergarten seiner Gemeinde gute Erfahrung mit freikirchlichen Erzieherinnen gemacht, wenn es darum gehe, den christlichen Glauben an die Kinder und deren Eltern zu vermitteln.

Klaus Rösler
(08.06.2018)