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Im Windschatten der Vergebung

Deutschlandfunk: Sind Freikirchen besonders anfällig für sexuellen Missbrauch?

Köln

Sind freikirchliche Gemeinden besonders anfällig für sexuellen Missbrauch von Kindern? Darüber sind der Generalsekretär des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden, Christoph Stiba (Elstal), und der frühere Jugendpastor im Gemeindejugendwerk, Christian Rommert (Bochum), unterschiedlicher Ansicht. Das geht aus einem Bericht des Deutschlandfunks hervor, der Rommerts 2009 gestartete Beratungsarbeit zum Thema „Sichere Gemeinden“ vorstellt.

 

Rommert: „Gerade im freikirchlichen Kontext vertraut erst einmal jeder jedem. Keiner traut dem anderen etwas Böses zu.“ Das Thema Sexualität werde immer noch tabuisiert. Rommert weiter: „Es gibt diese Frage des Gehorchens. Liebe Kinder sind Kinder, die gehorchen. Da steckt oft auch noch eine alte Pädagogik dahinter. Und es gibt leider auch noch Kirchen, in denen das Machtgefälle zwischen Mann und Frau kultiviert wird.“ Diese Faktoren machten Freikirchen für Täter durchaus attraktiv. Wie er weiter berichtet, hat er inzwischen über 100 Gemeinden besucht, um sie für das Thema „Sichere Gemeinden“ zu sensibilisieren. „In jedem Seminar, in jedem Vortrag, in jedem Gottesdienst, kamen hinterher mindestens eine Person, manchmal auch mehrere Personen, die gesagt haben, das betrifft mich.“ Rommert zeigt sich betroffen darüber, dass in der Vergangenheit oft selbst nach Aufdeckung von Taten nicht viel passiert sei: „Im Windschatten der Vergebung konnten viele Täterinnen und Täter einfach die Gemeinde wechseln und dort ganz neu beginnen, ohne dass auf die Eignung geachtet wurde von diesen Menschen.“ Wenn es keine Sicherheitsmaßnahmen gebe, werde die Kirche so zu einem sehr gefährdeten Ort.

 

Generalsekretär Christoph Stiba ist dagegen nicht davon überzeugt, dass Freikirchen besonders riskante Orte für Kinder sind. Es sei vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Problem: „Überall da, wo starke Vertrauensstrukturen sind, gibt es immer ein Machtgefälle. Das ist in einem Verein nicht anders als in einer Kirche.“ In dem Moment, wo Übergriffe bekannt würden, müsse man sich kümmern: „Und das tun wir."

 

Wie Täter konkret vorgehen, schildert Rommert an einem Beispiel. Sie machten sich die Angst, über die Sexualität zu sprechen, zunutze: „Täter treten manchmal in so einer Art 'Love-Teacher', als Lehrer in sexuellen Dingen auf." Sie zeigten den Kindern Fotos und bauten ein Vertrauensverhältnis auf. Später wollten sie mit dem Kind ähnliche Bilder nachstellen. Rommert: „So rutscht ein Kind dann plötzlich in so eine Situation rein." Selbst die Bibel werde für die Übergriffe zuhilfe genommen. Ein typisches Beispiel sei der Umgang mit der Geschichte aus dem Alten Testament, in der Lot von seinen Töchtern verführt wird. Rommert: „Es sind mir durchaus Geschichten begegnet, wo mir eine Betroffene erzählte, der Täter hat gesagt, ich mache dich jetzt zu Lots Tochter."

 

Nach Rommerts Worten stieß seine Aufklärungsarbeit zunächst auf Unverständnis. Verantwortliche seien davon überzeugt gewesen, dass es sexuellen Missbrauch in ihren Kreisen nicht gebe: „Was ich anprangern würde, ist, dass über einen langen Zeitraum der Schutz der Institution höher bewertet wurde als der Schutz der Kinder. Man wollte, dass die Kirche keinen Schaden nimmt." Inzwischen habe sich die Lage verändert. Davon ist auch Stiba überzeugt. Es sei schmerzhaft, dass „so etwas mit Kindern passieren kann“. Gemeinden ständen daher in Verantwortung, ihre Kinder zu schützen. Dabei gehe Opferschutz vor Täterschutz: „Als Institution haben Interesse, dass nicht Dinge unter den Teppich gekehrt werden."

Klaus Rösler
(22.02.2018)