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Ein halbes Jahr in der Gemeinde

Eine Pastorin spricht über ihre Erfahrungen mit der pastoralen Grundversorgung

Mönchengladbach

 

Silke Tosch (Mönchengladbach) ist Pastorin in unserem Gemeindebund – und arbeitet im Bereich der pastoralen Grundversorgung. Sie hilft in Gemeinden aus, die aus verschiedenen Gründen keinen hauptamtlichen Pastor haben, aber dringend eine Unterstützung wünschen. DIE GEMEINDE-Redakteur Klaus Rösler hat sie nach ihren Erfahrungen befragt.

 

Wie viele solcher Dienste hast Du schon gemacht?

Zwei. Bei meinem ersten Einsatz waren sechs Monate angedacht, aber daraus sind dann zweieinhalb Jahre geworden. Im anderen Fall haben wir die vereinbarten sieben Monate gut nutzen können, um die Gemeinde wieder an eine pastorale Führung zu gewöhnen. Bei zwei anderen Anfragen konnten die Gemeinden in der Zwischenzeit einen hauptamtlichen Pastor berufen, so dass meine Dienste nicht mehr gebraucht wurden.

 

Neben der Flexibiltät - was ist sonst noch gefordert?

Da die Gemeinden nicht in unmittelbarer Nachbarschaft liegen, musste ich längere Fahrtzeiten in Kauf nehmen. Bis zu einer Stunde ist das für mich in Ordnung. Gemeinden, die anfragen, haben in der Regel eine Geschichte hinter sich, die zu einem Leidensdruck geführt hat. Da ist eine Kollegin oder ein Kollege länger erkrankt, die Mitarbeitenden haben eine Belastungsgrenze erreicht oder die theologische Ausrichtung ist diffus geworden.

 

Durch die Kürze der Einsätze bleibt manches dann auch unvollendet. Ich hoffe, dass meine Impulse weiterwirken. Loslassen können ist auch wichtig.

 

Man sollte die Entstehung der Gemeinde kennen. Sie bestimmt oft ihr Selbstverständnis und ihre Identität, ihre Beziehungen zu anderen Gemeinden und Werken. Ich empfinde es als Chance, auf die Einrichtungen und Materialien unseres Bundes oder auf Veranstaltungen des Landesverbandes hinzuweisen. So können fallengelassene Fäden wieder aufgenommen werden.

 

Gibt es einen Trend, der Dir in den Gemeinden begegnet ist?

Mir ist eine große Verunsicherung aufgefallen – bei den Themen Leitung und Strukturen. Das sehe ich auch auf Verbandsebene, wo ich als Vertrauenspastorin tätig bin. Auch die Frage nach der Übernahme von Verantwortung wird sehr bewegt. Die althergebrachten Strukturen greifen nicht mehr so richtig. Früher haben oft Pastor und Gemeindeleiter fast die gesamte Gemeindearbeit gesteuert. Heute will die Gemeinde viel stärker in die Entscheidungsfindung mit einbezogen werden. Gleichzeitig beklagen die Gemeindeleitenden einen Mitarbeitermangel.

 

Wenn Du aus der Gemeinde wieder raus bist - bleibt Du ihr verbunden? 

Ja. Ich lese ihre Gemeindebriefe. Und ich werde im Nachhinein zum Predigen oder für besondere Veranstaltungen angefragt. Zum Teil sind auch freundschaftliche oder seelsorgerliche Beziehungen erwachsen. Die Intensität hängt aber auch davon ab, ob nach meiner Beendigung ein Kollege oder Kollegin die Gemeinde übernimmt. Dann wird es automatisch weniger.

 

Wo bist Du einsetzbar?

Ich bin deutschlandweit einsetzbar, bin aber jetzt nur im Umfeld tätig gewesen. Für eine pastorale Grundversorgung würde ich nicht umziehen. Aber eine Teilzeitstelle, die so ein Format hätte wie zwei Wochen im Monat oder drei Tage pro Woche vor Ort zu sein, kann ich mir gut vorstellen.

 

Im Vergleich zum klassischen Gemeindedienst: Wo liegen Vorteile, wo Nachteile?

In der klassischen Gemeindearbeit kann ich Menschen und Prozesse langfristig begleiten. Dort erlebe ich, wie Menschen und Beziehungen wachsen und sich verändern: Ein Kindergottesdienstkind wird Teenager und trifft eine Glaubensentscheidung.

Bei der pastoralen Grundversorgung setze ich eher Impulse. Ich schiebe Prozesse an. Ich kann viel offener und klarer sprechen, um das umzusetzen, was vorher abgesprochen worden ist. Ich kann mit der Gemeinde „heiße Eisen“ diskutieren. Wir konnten etwa sehr offen über die Themen Homosexualität oder Schriftverständnis sprechen und dabei unterschiedliche Auffassungen haben. Das Wissen, diese Pastorin bleibt ja nur noch für eine absehbare Zeit, hat einen angstfreien Raum geöffnet. Für die Gemeinde selbst war das sehr befreiend, zumal sie nach längerer Abstinenz wieder theologisch gearbeitet hat.

Danke für das Gespräch

Klaus Rösler
(17.09.2018)